Gewässer revitalisieren, Biodiversität erhöhen

    Der Kanton Aargau ist der Wasserkanton schlechthin. Indem wir die Gewässer wiederbeleben, fördern wir die Artenvielfalt. Das Beispiel der Schutzmassnahmen am Hallwilersee zeigt den Mehrwert für die Natur – und die nachfolgenden Generationen.

    (Bilder: © Kanton Aargau) Die erste Etappe zur Auenregeneration im Reussegger Schachen ist abgeschlossen.

    Der Kanton Aargau verfügt neben seinen kulturellen Schätzen über ein reiches Naturerbe und wunderschöne Landschaften. Die vielfältigen Lebensräume sind Grundlage für unser Wohlergehen. Dieses Erbe für die kommenden Generationen zu bewahren, aufzuwerten und erlebbar zu machen, ist angesichts der fortschreitenden Zersiedelung, dem zunehmenden Erholungsdruck und den Folgen des Klimawandels eine grosse Herausforderung. Schweizweit ist heute jeder zweite natürliche Lebensraum und jede dritte einheimische Art im Fortbestand gefährdet. Flächen mit hoher ökologischer Qualität für die Biodiversitätsförderung sind – trotz Fortschritten in den letzten Jahren – häufig noch zu klein, zu wenig gut vernetzt und besonders im Mittelland durch intensive Nutzungen beeinträchtigt.

    Vor- und Nachteile des Klimawandels
    Für viele Pflanzenarten werden sich die Standortbedingungen an ihrem heutigen Wuchsort als Folge des Klimawandels verändern. Dies wird in den nächsten Jahrzehnten zu tiefgreifenden Veränderungen in der Zusammensetzung unserer Ökosysteme führen. Bezogen auf die Artenvielfalt besteht das Risiko, dass der Klimawandel schneller abläuft, als viele Arten sich genetisch anpassen können oder in der Lage sind, mit den Temperaturverschiebungen zu «wandern». Arten, die nur langsam «wandern» können oder die sich bereits am Rande ihrer ökologischen und räumlichen Verbreitung aufhalten, sind deshalb schon heute lokal bedroht – so die Fichte, welche zunehmend aus den

    Auenschutzpark Aargau – Villnachern

    Aargauer Wäldern verschwindet. Andere Arten, die heute an ihrem Wuchsort keine optimalen Standortbedingungen vorfinden, werden aber von den sich verändernden Niederschlags- und Temperaturverhältnissen profitieren können. Grundsätzlich sind feuchtkühl verbreitete Arten – im Kanton Aargau wie auch in der ganzen Schweiz – eher gefährdet. Trockenwarm verbreitete Arten werden durch den Klimawandel eher gefördert.

    Wir brauchen eine «ökologische Infrastruktur» Aus Sicht des Natur- und Artenschutzes gilt es Rahmenbedingungen zu schaffen für eine bestmögliche Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel. Zum Beispiel, indem wir unsere Landschaft wieder durchgängiger machen und degradierte Lebensräume qualitativ aufwerten und in die ökologische Infrastruktur investieren. Die räumliche Vernetzung isolierter und kleinflächiger Lebensräume wird Tieren und Pflanzen das Überwinden von natürlichen Barrieren und künstlichen Hindernissen ermöglichen und mithelfen, die genetische Vielfalt und Artenvielfalt zu erhalten. Natürliche Gewässer, als Beispiel, sind ökologisch sehr wertvolle Lebensräume, die sich durch eine hohe Biodiversität auszeichnen. Sie erbringen vielfältige Leistungen, wie die Erneuerung von Grund- und Trinkwasser oder das Abführen von Hochwasser. Ursprünglich waren unsere Gewässer dynamische und vielgestaltige Lebensräume – ein Mosaik aus schnell fliessenden Strecken, Kiesbänken, ruhigen, sandigen Buchten, erodierten und unterschiedlich bestockten Ufern und stehenden Altarmen. Heute sind unsere Gewässer intensiv genutzt, verbaut oder eingedolt – alleine im Kanton Aargau sind es rund 800 km – und so sehr degradiert, dass sie in der Erfüllung ihrer Leistungen stark eingeschränkt sind. In der Folge können die Flüsse ihre Funktion als Lebensraum und Quelle neuen Lebens nicht mehr in genügendem Mass erfüllen. Flora und Fauna sind vielerorts verarmt.

    Die Zerschneidung der Fliessgewässer durch Barrieren respektive Verbauungen stellt eine Bedrohung für die Biodiversität dar, da kanalisierte Fliessgewässer mit monotonen Profilen nur wenigen Tier- und Pflanzenarten einen geeigneten Lebensraum bieten. Schweizweit trennen rund 101’000 künstliche Hindernisse mit einer Höhe von über 50 cm unserer Fliessgewässer in unzählige Teilstücke und verhindern so eine durchgängige Fischwanderung. Würde man die Hindernisse aufeinanderstellen, so erreichten diese das Ende der Stratosphäre in über 50 km Höhe.

    Bachöffnung in Küttigen

    Tun, was wir nicht bedauern werden
    Wie haben uns die letzten Jahre doch vor Augen geführt, wie sich Hitze- und Trockenperioden mit Starkniederschlägen und Hochwasserereignissen abwechseln und zunehmend gehäufter und mit grösserer Intensität auftreten. Dieses Wechselspiel der Extreme wird sich in den kommenden Jahrzehnten als Folge des Klimawandels noch akzentuieren. Auch wenn die letzten Jahre und die wissenschaftlichen Fakten eine eindeutige Sprache sprechen – erst die Zukunft wird unstrittige Belege vorlegen. Bis dahin leben wir in der Ungewissheit, und wir müssen entscheiden, welche Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel wir umsetzen wollen. Nichts zu tun, wäre verantwortungslos gegenüber unseren Nachkommen. Es geht darum, jene Massnahmen anzugehen, die wir guten Gewissens vertreten können und deren Ergreifen wir beim Nichteintreten der heute plausibelsten Szenarien nicht bedauern werden. Sogenannte «No-Regret-Massnahmen» sind ein Schlüssel zur Anpassung.
    Die Vernetzung und Aufwertung von Lebensräumen, die Revitalisierung von Gewässern und die Ausscheidung von Gewässerräumen sind daher Massnahmen erster Güte für die Anpassung an den Klimawandel. Denn solche «No-Regret-Massnahmen» sind unabhängig vom globalen Wandel ökonomisch, ökologisch und sozial sinnvoll. Wir ergreifen sie vorsorglich, um negative Auswirkungen zu vermeiden oder zu mindern. Ihr gesellschaftlicher Nutzen ist auch dann noch gegeben, wenn der primäre Grund für die ergriffene Strategie nicht im erwarteten Ausmass zum Tragen kommt.

    Wasserkanton Aargau
    Der Aargau ist der Wasserkanton schlechthin. Nicht nur vereinen sich Aare, Reuss und Limmat auf seinem Gebiet, auch umfasst die gesamte Gewässerlänge rund 3’000 km. Mit wenigen Ausnahmen ist der Kanton Eigentümer dieser Gewässer. Nur rund 13 % liegen innerhalb des Siedlungsgebiets, die restlichen 87 % liegen ausserhalb der Bauzonen; so im Wald ca. 33 % und in der Landwirtschaftszone ca. 39 %.

    Im Kanton Aargau ist und war man sich schon früh der Bedeutung seiner Gewässer und den durch sie geprägten Landschaften bewusst. So wurden an Rhein und Reuss sogenannte Uferschutzdekrete als eigentümerverbindliche kantonale Nutzungspläne geschaffen, um die Gewässer und deren Ufer vor Eingriffen zu schützen. Wieviel Wert solche Dekrete haben, lässt sich beispielhaft anhand des Hallwilersees aufzeigen. Die Landschaft um den Hallwilersee mit seinen schilf- bewachsenen und nahezu rundum für Erholungsuchende zugänglichen Ufern konnte bis heute ihren Charakter behalten – wohlgemerkt, ohne die wirtschaftliche und landwirtschaftliche Entwicklung über Mass zu beeinträchtigen.

    Am Beispiel des Hallwilersee- Schutzdekrets vom 13. Mai 1986 zeigt sich auch, dass sich Nutzungseinschränkungen mittel- und langfristig ausgesprochen positiv auswirken. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend, wurden diese Einschränkungen für die prosperierende Wirtschaft in Kauf genommen und – wie sich heute zeigt – eine einmalige Chance genutzt, für die nachfolgenden Generationen einen unvergleichlichen Mehrwert zu schaffen.

    Revitalisieren und in die Zukunft unserer Kinder investieren Offene Bäche und revitalisierte Gewässerabschnitte sind ein Garant für eine hohe Biodiversität. Die Umsetzung der kantonalen Revitalisierungsplanung einerseits und die Realisierung der ökologischen Infrastruktur andererseits sind zentrale Elemente einer verantwortungsbewussten Umweltpolitik – einer Politik, welche sowohl den Bedürfnissen der kommenden Generationen wie auch jenen der Natur Rechnung trägt. Im Wissen darum, dass letztere unsere ureigene Lebensgrundlage darstellt.

    Norbert Kräuchi


    Zur Person: Dr. sc. nat. ETH Norbert Kräuchi leitet seit 2009 die Abteilung Landschaft und Gewässer des Departementes Bau Verkehr und Umwelt (BVU), und ist dabei verantwortlich für den Entwicklungsschwerpunkt Klimaschutz und Klimaanpassung des Kanton Aargau.