Nachhaltiges Investieren im Corona-Zeitalter

    Wie legt man sein Geld im Nullzins-Umfeld so an, dass man Gewinne erzielt und zugleich umweltverträglich investiert? Exklusiv für die «Umwelt Zeitung» hier meine Tipps.

    (Bild: pixabay) Nur mit technischer Innovation lassen sich die dringenden Probleme unserer Zeit lösen.

    ESG – also die Berücksichtigung der Kriterien «ökologisch», «sozial», «ethisch» – und Nachhaltigkeit sind in aller Munde. Für jeden Investor stellt sich aber die Frage, ob das, was auf der Packung steht, im Innern auch zu finden ist. Zur Nachhaltigkeit gehört auch das Erzielen von Gewinn – eben unter der Bedingung, dass weder Umwelt noch Gesellschaft geschädigt werden. Die Gewinnerzielung wurde in den letzten Jahren für Privatanleger deutlich schwieriger: Wir leben in einem noch nie dagewesenen Umfeld der (unendlich?) expansiven Geldpolitik. Dies stellt viele Gewissheiten auf den Kopf und macht die früher wichtige Anlageklasse der Obligationen zur nahezu irrelevanten Grösse. Gleichzeitig lauert das Gespenst der Inflation. Für den Anleger müssen also nachhaltige, aber auch finanziell attraktive Alternativen her!

    Die versteckte Inflation
    Das Rezept zur Behebung einer wirtschaftlichen Krise heisst seit jeher «Ausdehnung der Geldmenge». Nach der Finanzkrise 2008/09 und nach dem massiven Markteinbruch im Februar/März 2020 durch Covid-19 konnte die finanztechnische Zwangsbeatmung als Erfolg gewertet werden: die Märkte stabilisierten sich, Jobwachstum fand statt und – für viele eine Überraschung – der Inflationsanstieg blieb aus. Letzteres aber ist erstaunlich: Wo mehr Geld, da höhere Preise. Und somit hätte jede Geldeinheit weniger Kaufkraft und ist weniger wert. Wieso gibt es neuerdings keine Inflation?
    Kurz gesagt: die Inflation bleibt nicht aus. Sie wird nur nicht gemessen. Ein globaler Anstieg der Aktien- und Immobilienpreise findet statt – nur wird dies in einer Inflationsberechnung, die über einen definierten Warenkorb stattfindet, nicht berücksichtigt. Da Geld irgendwo allokiert werden muss, Zinsen aus Staatsanleihen aber nicht attraktiv sind (Stichwort «Nullzins») und die gesteigerte Produktivität die Konsumgüterpreise tief hält, wird einerseits keine nennenswerte Inflation erreicht und andererseits viel Geld in die Aktien- und Immobilienmärkte kanalisiert.
    Hier findet die Inflation statt: je Geldeinheit können immer weniger Anteile an einem börsenkotierten Unternehmen erworben werden, obschon das Unternehmen im Vergleich seiner Erträge immer höher bewertet wird. Gleichzeitig kostet ein Quadratmeter Wohnfläche immer mehr, die Mieten können aber nicht angehoben werden, da sie an den Referenzzinssatz gebunden sind. Zusammengefasst: die Renditen sowohl bei Aktien wie auch Immobilien werden kleiner.

    (Grafik: zVg) Es fliesst (zu) viel Geld in börsenkotierte Unternehmen.

    Krise beschleunigt Innovation
    Innovationen ermöglichen neue Geschäftsmodelle und lösen alte ab. Um mit diesen extrem schnellen Veränderungen mithalten zu können, muss in selbige investiert werden. Konkret: Egal, in welches Thema oder in welche Branche investiert wird – es muss in Innovation respektive in die Innovationsführer eines jeden Sektors investiert werden. Gleichzeitig hilft dies auch der Nachhaltigkeit: Nur mit technischer Innovation lassen sich die dringenden Probleme unserer Zeit lösen; sei dies im Kampf gegen den Klimawandel oder den Welthunger.

    Aktien
    Aktien werden in den nächsten Jahren nicht einheitlich performen. Während gewisse Firmen von technischer Innovation profitieren, werden andere den Zug verpassen und schwächer werden oder ganz untergehen. Es müssen also Titel gewählt werden, welche langfristig von den neuen Gegebenheiten profitieren und welche als Innovatoren Wert schaffen. Der Investor kann eine innovationsgewichtete Anlagestrategien wählen, beispielsweise den Singularity Fund des Schweizer Anbieters «The Singularity Group». Dabei werden diejenigen Titel ausgewählt, die einen grossen Anteil ihres Umsatzes mit innovativen Technologien (also z.B. Robotik, Erneuerbare Energie, Bio-Informatik, Big Data, Artifizielle Intelligenz etc.) erwirtschaften. Gleichzeitig sind hier die bewährten ESG-Filter anzuwenden, die sicherstellen, dass weder Natur noch Mensch verletzt werden.

    Immobilien
    Bei Immobilien muss der Investor umdenken: Was eben noch A-Lagen waren, sind heute überteuerte und bald lehrstehende Räumlichkeiten. Neue Geschäftsmodelle (z.B. Hauslieferdienste, Online-Shopping, etc.) machen viele A-Lagen für Läden obsolet. Was weiterhin gute Renditen ermöglicht, sind neue Wohnkonzepte, die den sich ändernden Ansprüchen der Mieter Rechnung tragen (Stichwort «Co-Living»). Luxusimmobilien und Büroimmobilien – letztere aufgrund der neuen Akzeptanz des dezentralen Arbeitens – werden einen schwierigen Stand haben. Günstige, solid gebaute und gut erschlossene Kleinwohnungen mit geteilten Küchen und Aufenthaltsräumen werden eine erhöhte Nachfrage erfahren.

    Infrastruktur
    Infrastruktur wird in den nächsten 20 Jahren von einem grossen Thema geprägt sein: Klimawandel. Was in den letzten 20 Jahren mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien begonnen hat, geht nun über in ganzheitliche Energie- und Verkehrskonzepte. Der vorsichtige Investor wird Infrastruktur, die auf fossilen Energieträgern oder alten Gewohnheiten beruht (also z.B. Öl- und Gaspipelines, aber auch Flughäfen und Schwimmbäder) veräussern, und sich auf die Produktion, Speicherung und Verteilung erneuerbarer Energien oder den Ausbau des elektrischen Verkehrs fokussieren. Hier kann echte Nachhaltigkeit erreicht werden – es wird nicht nur Unheil vermieden, sondern positiv zum Gelingen der Energiewende beigetragen.

    Private Equity
    Hier gilt es, vermeintlich günstige Übernahmemöglichkeiten zu ignorieren: Selbstverständlich kann eine Flughafenbetreibergesellschaft zu historisch günstigen Preisen übernommen werden, nur wird sich das Fluggeschäft nicht schnell erholen und durch neue Technologien (Videokonferenzen und später die virtuelle Realität) teilweise ersetzt werden. Anlagen in auf Innovation ausgerichtete Private Equity Fonds sind interessant, sofern keine tägliche Liquidität benötigt wird. Auch hier gilt: Der Fondsanbieter muss ein klares Nachhaltigkeits-Konzept vorlegen können.

    Startups
    Dem Thema «Startups» ist grundsätzlich ein hohes Investitionsrisiko beizumessen. Gleichwohl bestehen hier sehr interessante Investitionsmöglichkeiten, da gerade diese jungen Unternehmen am schnellsten aus einer Krise herausfinden und auf neue Gegebenheiten unter Einsatz aktueller Technologie wie Internet oder Blockchain reagieren können. So finden eine Vielzahl neuer Online-Hauslieferungsplattformen oder digitaler Versicherungsbroker ohne physische Interaktion gerade reissenden Absatz. Gleichwohl gilt: Das Team des jungen Unternehmens ist wichtiger als die Idee dahinter! Eine hohe Diversifikation über einen auf nachhaltige Startups ausgerichteten Fonds ist angezeigt.

    Neue Beteiligungsmodelle
    Wie eingangs erwähnt fliesst (zu) viel Geld in börsenkotierte Unternehmen. Ein Markt, der hingegen seit Jahrzehnten eher unterfinanziert ist, betrifft die kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht am Kapitalmarkt teilnehmen, aber vielfach sehr innovativ sind und für die Nachhaltigkeit wichtige Beiträge liefern. Durch die technische Innovation der «Tokenizierung» wird es Jahren möglich, sich in täglich liquider Form auch an kleinen Unternehmen beteiligen zu können – auch mit kleinen Beträgen. Die Tokenizierung, eine Blockchain-basierte Technologie, wird für Private Equity Fonds zu einer ernsten Konkurrenz werden. Die Nachhaltigkeit ist hier im demokratisierten Zugang zu privaten Investitionsmöglichkeiten zu finden.

    Gold und Bitcoin
    Weder Gold noch Bitcoin sind als produktives Investment anzusehen. Gleichwohl gelten beide als Wertaufbewahrungsmittel. Währendem Gold zwar knapp ist, trotzdem aber einen steten Zufluss erfährt, ist Bitcoin auf 21 Millionen Einheiten begrenzt und somit inflationsresistent. Wer aufgrund der hohen Tagesschwankungen der Kryptowährung nicht schlaflose Nächte hat, tut gut daran, einen kleinen Teil seiner Mittel in Bitcoin zu investieren – analog zum jahrtausendealten Kassenschlager Gold. Allerdings: Sowohl Gold wie Bitcoin haben mit Energieproblemen zu kämpfen und können für den umweltorientierten Investor nur unter gleichzeitigem Kauf von CO2-Zertifikaten in Frage kommen.

    Zusammenfassend ist zu sagen, dass es auch in den Corona-Zeiten attraktive und nachhaltige Investitionsmöglichkeiten gibt. Allerdings ist die Abkehr von traditionellen Investitionsmustern dringend notwendig. Klassische Aktienstrategien werden zu Verlusten führen und Staatsanleihen sind schlicht nicht attraktiv. Bargeldhaltung mag kurzfristig interessant sein – mittelfristig und frei nach Ray Dalio ist Bargeld aber meist die schlechteste Investition, vor allem wenn Staaten ihre Schulden irgendwann über Inflation abbauen. Der vorsichtige Investor muss sich ständig fragen, ob er die aktuellen Innovationsentwicklungen versteht und ob sein Portfolio von diesen Innovationen profitieren wird. Hier können kleinere Asset-Manager unter Umständen attraktivere Lösungen anbieten als Grossbanken.

    Tobias Reichmuth


    Zur Person: Dr. Tobias Reichmuth ist Unternehmer und Investor. Er hat die erfolgreiche Investitionsgesellschaft SUSI Partners AG aufgebaut, die in saubere Infrastruktur und gegen Klimawandel investiert und 1.8 Mrd. Franken verwaltet. Neben der von ihm mitgegründeten Crypto Finance Group sitzt er im Verwaltungsrat der Singularity Group, die in nachhaltige Innovationsführer weltweit investiert. Privat investiert Tobias Reichmuth, der in der Schweiz als «Löwe» der Fernsehsendung «Höhle der Löwen» bekannt wurde, in Start-ups, insbesondere im Kontext des Klimawandels und der Gesundheit bis ins hohe Alter «Longevity».